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Pling, Plong, Gottschalk: Wie ein schreiendes Telefon das moderne Fernsehen erfand

DiddaDidda Geschrieben vor 1 Monat
Pling, Plong, Gottschalk: Wie ein schreiendes Telefon das moderne Fernsehen erfand

Baden-Baden. Lange vor „Wetten, dass..?“ und weit vor dem Einzug von PlayStation oder Xbox in deutsche Wohnzimmer schlug 1977 die Geburtsstunde des interaktiven Fernsehens. Ein junger, schlaksiger Radiomoderator namens Thomas Gottschalk betrat im Regionalprogramm des Südwestfunks (SWF) die TV-Bühne. Seine Waffe: ein loses Mundwerk, ein riesiger Hemdkragen und die bahnbrechende Show „Telespiele“. Es war die erste Gaming-Show der Welt – und der Startschuss für eine beispiellose TV-Karriere.


Das Zustandekommen: Ingenieurskunst trifft auf Rampensau

Die Idee zur Sendung entstand nicht etwa in einer kreativen Brainstorming-Runde von Show-Autoren, sondern in der Technikabteilung des SWF. Der visionäre Sender-Techniker Erhard Möller beobachtete den rasanten Aufstieg der ersten Videospiele in Spielhallen. Seine revolutionäre Frage: Wie bringt man diese Grafik auf den Bildschirm, sodass die Zuschauer von zu Hause aus mitspielen können?

Da das Telefonnetz der 1970er-Jahre keine Daten übertragen konnte und Joysticks am Festnetztelefon reine Utopie waren, erfand Möller eine akustische Steuerung. Unterhaltungschef Wolfgang Penk brachte schließlich das entscheidende Puzzleteil ein: Er engagierte das bayerische Ausnahmetalent Thomas Gottschalk vom Hörfunk und stellte ihm den jungen Nachwuchsredakteur Holm Dressler zur Seite. Die Geburtsstunde eines legendären Duos.

Das Prinzip: „Schrei, damit der Strich sich bewegt!“

Das Konzept der Telespiele war genial einfach und technisch spektakulär. Das Herzstück der Sendung bildete der Arcade-Klassiker „Pong“ (im deutschen Fernsehen schlicht „Teletennis“ genannt). Zwei weiße Balken reflektierten einen virtuellen Pixel-Ball.

Die Steuerung spottete jeder heutigen Ergonomie: Die Kandidaten wurden per Telefon live in die Sendung geschaltet. Um den virtuellen Tennisschläger nach oben oder unten zu bewegen, mussten sie Geräusche in den Telefonhörer machen. Je lauter der Ton, desto höher sauste der Schläger. Heerscharen von Hausfrauen, Rentnern und Jugendlichen schrien, pfiffen oder tröteten live im Fernsehen in ihre grauen Post-Telefone, um Gottschalk im Duell zu schlagen. Im Studio selbst traten zudem zwei Publikumsblöcke – Team Rot gegen Team Gelb – mittels Klatschen und kollektivem Brüllen gegeneinander an. Zu gewinnen gab es damals keine Millionen, sondern Musikclips oder kurze Filmausschnitte nach Wahl des Siegers.

Die Entwicklung: Vom regionalen Experiment zum Straßenfeger

Was als Experiment im Dritten Programm begann, entwickelte sich rasch zum Straßenfeger. Gottschalk, der anfangs sichtlich unsicher mit seinen Händen fuchtelte und mit der Technik eigentlich gar nichts am Hut haben wollte, überspielte jede technische Panne mit genialer Spontaneität. Er sprach im Fernsehen genau so frei und frech, wie er es aus dem Radio gewohnt war – ein Kulturschock für das damals noch sehr steife deutsche Fernsehen.

Der Erfolg war überwältigend. Zwischen 1977 und 1981 wurden insgesamt 29 Folgen produziert. Im Jahr 1981 wanderte die Show schließlich wegen der enormen Beliebtheit ins Hauptabendprogramm des Ersten (ARD), wo sie Traum-Einschaltquoten von bis zu 40 Prozent erreichte. Das innovative Format war so begehrt, dass das Konzept sogar erfolgreich ins europäische Ausland – nach England, Frankreich und in die Niederlande – verkauft wurde.

Die „Telespiele“ endeten zwar nach vier Jahren, sie legten jedoch das Fundament für Gottschalks Aufstieg zum größten Showmaster des Landes und bewiesen, dass Gaming absolut fernsehschauplatztauglich ist.


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