Weißt du noch? - Kassetten aufnehmen – Und bloß nicht ins Lied reinquatschen!
Es gab eine Zeit, da konnte man seinen Lieblingssong nicht einfach suchen und innerhalb weniger Sekunden abspielen. Man musste warten.
Manchmal ziemlich lange.
Das Radio lief, eine leere Kassette steckte im Rekorder und der Finger lag auf der Aufnahmetaste. Jetzt durfte nur nichts schiefgehen. Kein Telefon klingeln, niemand ins Zimmer kommen – und vor allem musste der Radiomoderator im richtigen Moment den Mund halten.
Denn wenn endlich der ersehnte Song kam, begann eine kleine Mission.
Warten auf genau diesen einen Song
Wer sich früher seine eigene Musiksammlung zusammenstellen wollte, brauchte Geduld.
Das Radio war eine der wichtigsten Quellen für neue Musik. Also hörte man die Hitparade, Wunschsendungen oder einfach stundenlang das normale Programm und hoffte darauf, dass irgendwann der richtige Titel gespielt wurde.
Natürlich kam er meistens genau dann, wenn man kurz das Zimmer verlassen hatte.
„Den haben sie gerade gespielt!“
Dieser Satz konnte einen ganzen Nachmittag ruinieren.
Denn wann der Song das nächste Mal laufen würde, wusste niemand.
Aufnahme läuft!
Dann war es endlich so weit.
Der Moderator kündigte den Titel an.
Sofort wurden am Kassettenrekorder gleichzeitig die richtigen Tasten gedrückt. Bei vielen Geräten hieß das: Record und Play.
Ein deutliches Klacken – und die Aufnahme lief.
Jetzt hieß es: ruhig bleiben.
Nicht gegen den Tisch stoßen. Nicht versehentlich auf Stop drücken. Und möglichst auch niemanden laut durchs Zimmer rufen lassen.
Die Vorstellung, Musik aufzunehmen, während im Hintergrund jemand fragt „Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“, war nicht besonders reizvoll.
Der natürliche Feind jeder Aufnahme
Es gab allerdings ein Problem, auf das man keinerlei Einfluss hatte.
Den Radiomoderator.
Manche Moderatoren schienen geradezu Freude daran zu haben, möglichst lange in das Intro eines Songs hineinzusprechen.
Die ersten Sekunden liefen bereits.
Man wartete.
Der Moderator redete.
Und redete.
Dann endlich: Musik pur.
Beim Ende des Songs wiederholte sich das Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, da hörte man bereits:
„Das war …“
Nein!
Nicht schon wieder!
So landeten auf vielen selbst aufgenommenen Kassetten kleine Stücke Radiomoderation, die man nach einiger Zeit genauso gut kannte wie den eigentlichen Song.
Das Cover wurde selbst gestaltet
Zu einer guten Kassette gehörte natürlich auch eine ordentliche Beschriftung.
Auf dem kleinen Einleger wurden Interpret und Titel notiert. Wer besonders viel Mühe investierte, nummerierte die Songs, malte etwas dazu oder gab der Kassette gleich einen eigenen Namen.
„Meine Hits 8“, „Sommer 89“ oder „Disco Mix“ waren vollkommen ausreichende Albumtitel.
Problematisch wurde es nur, wenn die Titelliste länger war als der Platz auf dem Einleger.
Dann wurde die Schrift eben immer kleiner.
Passt der Song noch auf Seite A?
Auch die Länge der Kassette spielte eine wichtige Rolle.
C60 bedeutete ungefähr 30 Minuten Musik pro Seite, bei einer C90 waren es etwa 45.
Und irgendwann entwickelte man ein erstaunliches Gefühl dafür, ob noch ein weiterer Song auf die Seite passen könnte.
Vier Minuten Platz. Song vermutlich dreieinhalb Minuten.
Das müsste gehen!
Dann begann ein sechsminütiger Titel.
Klack.
Band zu Ende.
Die letzten zwei Minuten fehlten.
Also musste man den Song beim nächsten Mal noch einmal aufnehmen – diesmal auf Seite B.
Mixtapes waren etwas Besonderes
Noch spannender wurde es, wenn die Kassette nicht für einen selbst bestimmt war.
Ein Mixtape für einen Freund, eine Freundin oder vielleicht sogar für jemanden, den man ein kleines bisschen mehr mochte.
Dann bekam plötzlich jeder Song eine Bedeutung.
Welche Reihenfolge passt? Ist dieser Titel vielleicht schon zu romantisch? Und was möchte man eigentlich mit Song Nummer vier sagen?
Eine Kassette zusammenzustellen konnte Stunden dauern.
Eine Nachricht zu schreiben wäre einfacher gewesen.
Aber längst nicht so schön.
Heute ist die Playlist in Minuten fertig
Heute suchen wir einen Song, tippen darauf und hören ihn.
Eine Playlist mit 30 Titeln lässt sich in wenigen Minuten zusammenstellen. Kein Warten, kein Bandsalat, kein Umdrehen der Kassette und kein Moderator, der plötzlich in den Lieblingssong hineinredet.
Objektiv betrachtet ist das natürlich wesentlich komfortabler.
Trotzdem hatte die selbst aufgenommene Kassette etwas Besonderes. Sie war nie vollkommen perfekt. Dafür steckte in ihr Zeit.
Weißt du noch?
Vielleicht hast du noch irgendwo eine alte Kassette liegen. Mit verblasster Schrift, durchgestrichenen Titeln und einer Liste, die nur du entziffern kannst.
Und vielleicht würdest du beim Anhören nach all den Jahren sogar noch genau wissen, was nach einem bestimmten Song kommt.
Nicht unbedingt der nächste Titel.
Sondern diese eine Stimme aus dem Radio:
„Und gleich nach den Nachrichten geht's weiter mit …“


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